Auswirkungen unserer Gedanken

Das Denken- Freund oder Feind ?

Wir sind es nicht gewohnt, unser Denken in Frage zu stellen, und größtenteils ist es auch richtig so, denn würden wir z.B. beim Autofahren alles hinterfragen, dann würden wir voraussichtlich weder losfahren, geschweige denn irgendwo ankommen – also sind gewisse Automatismen bei der Bewältigung des Alltags sicherlich von Vorteil. Aber um bei dem Beispiel Autofahren zu bleiben, es gibt auch Automatismen, die belastend sind. Nehmen wir den Klassiker: Sie haben einen wichtigen Termin, sind völlig unter Zeitdruck, weil ihre Kinder am Morgen für alles seeehr lange gebraucht haben, und vor Ihnen fährt der langsamste Autofahrer der Welt… Mal ehrlich, wie lange braucht es, bis Frust an Ihnen nagt, und wie lange, bis Sie sich ärgern, und wie lange eigentlich noch, bis Sie so richtig wütend sind, und sich über den Fahrer vor Ihnen ungehemmt aufregen? Ja aber, werden Sie jetzt vielleicht sagen, es ist verständlich, daß man sich so fühlt, es überkommt einen, angesichts der Ereignisse…

Also, was hat das alles mit unserem Denken zu tun?

Wir haben hier doch  ein auslösendes Ereignis, und die darauffolgende  emotionale Reaktion. Dazwischen liegt jedoch der wesentliche Schritt, und die Krux ist, daß er für unser Bewußtsein kaum noch wahrnehmbar ist, weil er, meist durch jahrelanges Training,  „automatisiert“ wurde. Nennen wir ihn das Selbstgespräch. Und das hat sehr wohl mit unserem Denken zu tun. Die Reihenfolge wäre demnach:

  1. Das auslösende Ereignis
  2. Das Selbstgespräch – das was Sie innerlich zu sich selbst über das Ereignis sagen
  3. Ist folglich dann die emotionale Reaktion auf Ihr Selbstgespräch

A kann ohne B C nicht auslösen. Im Klartext: Kein Gefühl ohne Gedanke.

Hierzu würde ich gerne eine kleine Übung mit Ihnen machen, die ist ganz einfach. Schließen Sie bitte die Augen, und erinnern Sie sich an etwas Schönes, das Ihnen widerfahren ist: der letzte Urlaub, die Geburt des Kindes, was auch immer Ihnen viel Freude bereitet hat. Spüren Sie bitte dem Gefühl nach, das dabei entsteht…

Umgekehrt funktioniert es leider genauso. Und, es macht für unser Gehirn wenig Unterschied, ob wir etwas gerade erleben, uns erinnern, oder uns etwas bloß vorstellen. Die Emotionen setzten unweigerlich ein.

Aber, wenn es so ist, daß Gefühle nicht ohne Gedanken entstehen, wieso bekommen wir von den Gedanken so wenig mit? Warum können uns bestimmte Ereignisse aus der Bahn werfen, die andere völlig kalt lassen, und umgekehrt? Warum können wir scheinbar nicht anders, als von unseren Gefühlen überwältigt zu werden?

Ein Beispiel

Stellen Sie sich vor, Sie stehen nach Feierabend im Supermarkt in der Schlange an der Kasse. Es ging schon die ganze Zeit schleppend voran, und nun packt die Frau vor Ihnen ganz langsam ihr Zeug aufs Band. Da ihre Kinder quengeln, diskutiert sie mit ihnen den Einkauf irgendwelcher Süßigkeiten, die dann in letzter Minute geholt werden. Zwischenzeitlich stellt sich raus, daß sie vergessen hat, ihr Obst abzuwiegen, so daß die Kassiererin extra nachwiegen gehen muß. Als sei das nicht genug, fängt die Frau beim Bezahlen an, ihr gesamtes Kleingeld hervorzukramen…

Wenn diese Situation Sie ärgerlich und wütend werden läßt, werden Sie einiges an Beherrschung aufbringen müssen, um Ihr Selbstgespräch bewußt wahrnehmen zu können. Vordergründig wird es wohl so klingen:

„Kann das hier nicht schneller gehen? Ich will einfach nur nach Hause“, „ Die hat ja ihre Kinder überhaupt nicht im Griff“, „ Kann die denn gar nichts richtig machen?“, „Merkt die nicht, daß die hier alle aufhält, oder ist die einfach nur blöd?“, „ Die geht mir total auf die Nerven“

Und Sie werden wütend. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, daß ich eben betont habe, daß Sie vordergründig diese Gedanken haben werden. Daß Sie Gedanken  dieser Art überhaupt haben, und eine entsprechende emotionale Reaktion einsetzt, liegt daran, daß die Situation, in der Sie sich befinden, an von Ihnen ganz tief verinnerlichten Überzeugungen rührt. Welche allgemeingültigen Überzeugungen können wir aus  unserem Beispiel herleiten?

-          Alles muß nach meinen Vorstellungen gehen, damit ich glücklich sein kann.

-          Ich und alle anderen sollten vollkommen sein.

-          Das Leben sollte fair sein.

-          Mein Unglücklichsein ist von außen verursacht.

Was sind Glaubenssätze?

Diese tief verinnerlichten, nicht hinterfragen Überzeugungen, nennt man auch Glaubenssätze, und ihnen ist gemeinsam, daß sie fast immer in Form eines unbewußten inneren Monologes wirken.  Mittels dieser Glaubenssätze ordnen wir unsere Welt in Bezug auf Ursachen, Bedeutungen und unsere Identität. Sie werden an uns von den Eltern, Erziehern, Respektpersonen und Vorbildern im Kindesalter weitergegeben. Dabei entstehen ganze Glaubenskonstrukte, wie die Welt, wir und die anderen sind, bzw. zu sein haben. Ich denke das wurde an dem Beispiel Supermarktkasse deutlich. Manche Glaubenssätze etablieren wir aufgrund unserer bisherigen Lebenserfahrung auch selbst. So wird eine Frau, die fast ausschließlich negative Erfahrungen mit Männern gemacht hat, die folgenden generalisierten Glaubenssätze entwickeln: „Alle Männer sind schlecht“,  und vielleicht auch „Zu Lieben ist schmerzhaft“ oder gar: „ Ich verdiene es nicht, geliebt zu werden.“

Und hier liegt das Problem mit den Glaubenssätzen. Unser eigenes Denken kann wirklich unser schlimmster Feind sein. Unsere GS  können rational und hilfreich sein, und uns glücklich durch das Leben bringen, oder eben uns hindern, einschränken und unglücklich machen. Da sie, wie wir gesehen haben, im Hintergrund wirken, könnte der Eindruck entstehen, wir sind ihnen ausgeliefert. Und tatsächlich, am ehesten merken wir ihre Auswirkungen. Es ist von daher wichtig, unsere Reaktionen und Gedanken gezielt zu hinterfragen, um den Glaubenssätzen auf die Spur zu kommen. Wenn Sie z.B. gerade eine Präsentation vergeigt haben, und daraus eine Sache der Selbstachtung machen, und nur noch in Kategorien „Ich bin ein Idiot“ von sich denken, werden Sie beim Hinterfragen entdecken, daß sie Fehler unverzeihlich finden. Dahinter steht der Glaubenssatz „Ich muß perfekt sein“. Ein Evergreen unter den Unglücklichmachern.

Die Glaubenssätze sind das „B“ in unserem ABC Schema. Sie bestimmen die Art des inneren Selbstgespräches das wir führen, und dieses ist entscheidend dafür, wie wir uns dann in einer konkreten Situation fühlen.  Jetzt wo wir wissen, was sich hinter B verbirgt, können wir daran gehen, B zu verändern, also das Denken bei  B zu unserem Freund zu machen.

Hinterfragen und bewerten von Glaubenssätzen

Und das heißt, unsere Glaubenssätze kritisch zu hinterfragen, und ggf. durch hilfreiche und tragfähige neue Glaubenssätze zu ersetzten. Nehmen wir den Glaubenssatz: „Ich muß perfekt sein.“ 100 % einer Idealvorstellung in der Realität zu bedienen, ist unmöglich und unmenschlich obendrein. Denn es ist ein Garant, niemals mit sich zufrieden sein zu können. Denn wenn Sie tatsächlich das schaffen, was Sie sich vorgenommen haben, dann hätte es theoretisch noch  mehr und noch besser sein können…

Damit haben wir auch einen Maßstab für die Beurteilung von Glaubenssätzen –  ob sie hinderlich oder hilfreich sind. Er liegt in der Beobachtung der Konsequenzen, die sie für uns haben, wenn wir weiter daran festhalten.

Wenn wir also statt mit „Ich muß perfekt sein“ mit „Kein Mensch ist vollkommen – ja, auch ich nicht!“ durchs Leben gehen, heißt das nicht, daß wir nicht an uns arbeiten können. Es wird dadurch aber erst möglich, mal loszulassen und zufrieden sein zu können. Es fällt viel Druck weg, wenn das Leben nicht als eine immerwährende Prüfung empfunden wird.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, Glaubenssätze zu hinterfragen

Zum einen wäre da die Geschichte des Glaubenssatzes: Woher kenne ich das? Wer hat das immer gesagt? Wer hat es mir vorgelebt?

Dann die Ausformulierung des Glaubenssatzes: nehmen wir als Beispiel: „ Alle müssen mich mögen.“ Wirklich alle? Gilt das immer und absolut? Könnte ich stattdessen etwas anderes brauchen?

Ein weiterer Ansatz ist zu fragen, was wird durch diesen Glaubenssatz für mich erreicht, die sog. „Positive Absicht“ hinter dem Glaubenssatz. Hier der Klassiker: „Mein Partner ist schuld, daß…“ – so müssen wir selbst nichts ändern, und sind nicht gezwungen auf unseren Anteil zu schauen…

Es kann sein, daß Ihnen ein hinderlicher, aber scheinbar unumstößlicher Glaubenssatz begegnet, den sie nicht unmittelbar hinterfragen können. Hier erweist sich die Übung des „gegenteiligen Denkens“ als hilfreich. Formulieren Sie das Gegenteil ihres Glaubenssatzes, und betrachten Sie die Alternativen, die sich aus dem Perspektivwechsel ergeben.

Und jetzt?

Wenn Sie ihr inneres Selbstgespräch in bestimmten Situationen betrachtet haben, und die Glaubenssätze aufgedeckt haben, kommt es nun darauf an, ein wahrheitsgemäßes Selbstgespräch zu führen. Also das bisherige Selbstgespräch B durch D zu ersetzen. Folge des neuen Selbstgespräches ist eine angemessenere emotionale Reaktion  E  angesichts dessen, was unter A geschehen ist.

Wie ich es zuvor schon gesagt habe, macht es für unser Gehirn wenig Unterschied, ob wir etwas gerade erleben, uns erinnern oder uns bloß gedanklich etwas vorstellen. Das können Sie gut nutzen, um Situationen, die Sie für sich als den „Dauerbrenner“ ausgemacht haben, in Gedanken durchzuspielen, um das neue Selbstgespräch einüben zu können.

Machen Sie sich keine Gedanken, wenn sich Ihre Einstellung und Ihre Emotionen nicht gleich beim ersten Versuch verbessern. Seien Sie geduldig, die alten Denkgewohnheiten sind wie eine gut ausgebaute Autobahn, und Sie errichten eine neue Straße. Es ist aber die Mühe wert, denn so werden Sie besser im Ziel ankommen.

Izabela Siepmann